Wie fit ist dein Herz-Kreislauf-System wirklich?
Bei einer Leistungsdiagnostik schauen wir häufig auf Laktatwerte, Schwellen, Trainingsbereiche oder die aktuelle Leistungsfähigkeit. Ein weiterer Wert verdient jedoch mindestens genauso viel Aufmerksamkeit: die Cardiorespiratory Fitness – kurz CRF.
Ein zentraler Parameter zur Beurteilung der CRF ist die VO₂max. Und genau deshalb fließt eine CRF-/VO₂max-Einschätzung ab sofort auch in unsere neue Auswertung der Leistungsdiagnostik bei Boie-Sports ein. Denn dieser Wert sagt nicht nur etwas darüber aus, wie schnell du laufen oder wie viel Leistung du auf dem Rad treten kannst. Er liefert uns auch wichtige Informationen darüber, wie leistungsfähig dein gesamtes Sauerstofftransport- und -verwertungssystem ist – und damit über einen wesentlichen Faktor für Gesundheit und gesundes Altern.
Was bedeutet CRF eigentlich?
CRF beschreibt die Fähigkeit des Körpers, unter Belastung Sauerstoff
über die Lunge aufzunehmen,
über Herz und Kreislauf zu transportieren
und in der arbeitenden Muskulatur zu nutzen.
Die VO₂max beschreibt dabei die maximale Sauerstoffmenge, die der Körper unter hoher Belastung verwerten kann. Meist wird sie relativ zum Körpergewicht in ml Sauerstoff pro Kilogramm Körpergewicht und Minute angegeben. Vereinfacht könnte man sagen: Die VO₂max zeigt, wie groß dein aerober Motor ist. CRF ist allerdings etwas umfassender als nur eine einzelne VO₂max-Zahl. Sie bildet das Zusammenspiel von Herz, Lunge, Blutgefäßen und Muskulatur ab und gilt deshalb inzwischen als sehr aussagekräftiger Marker der körperlichen Leistungsfähigkeit und Gesundheit. Die American Heart Association geht sogar so weit, CRF als eine Art „klinisches Vitalzeichen“ zu bezeichnen, da eine niedrige kardiorespiratorische Fitness mit einem erhöhten Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Gesamtsterblichkeit verbunden ist.
Eine aktuelle Studie macht das Thema besonders interessant
In Willis Recherche dieser Woche ist eine 2026 im British Journal of Sports Medicine veröffentlichte Untersuchung besonders aufgefallen. Die Wissenschaftler analysierten Daten von 17.088 Teilnehmern der UK Biobank. Dabei wurden sowohl die körperliche Aktivität als auch die kardiorespiratorische Fitness berücksichtigt. Während einer Nachbeobachtungszeit von durchschnittlich knapp acht Jahren traten 1.233 kardiovaskuläre Ereignisse wie Herzinfarkt, Schlaganfall, Herzinsuffizienz oder Vorhofflimmern auf.
Interessant war vor allem das Zusammenspiel zwischen Bewegungsumfang und Fitnesslevel.
Die bekannten mindestens 150 Minuten moderater bis intensiver körperlicher Aktivität pro Woche waren mit einer Risikoreduktion von ungefähr 8–9 % verbunden. Für eine deutlich stärkere Risikoreduktion von mehr als 30 % lagen die modellierten Aktivitätsmengen allerdings bei etwa 560–610 Minuten pro Woche. Das bedeutet ausdrücklich nicht, dass jetzt jeder zehn Stunden pro Woche intensiv trainieren sollte. Die spannendere Botschaft steckt woanders:
Das individuelle Fitnessniveau spielt eine eigenständige Rolle.
Mit jedem zusätzlichen 1 ml/kg/min VO₂max zeigte sich in der Untersuchung eine kleine, aber statistisch relevante zusätzliche Verringerung des kardiovaskulären Risikos. Die Ergebnisse sprechen damit dafür, nicht ausschließlich danach zu fragen, wie viel sich jemand bewegt, sondern auch danach, welche körperliche Leistungsfähigkeit daraus entstanden ist. Wichtig ist dabei: Es handelt sich überwiegend um Beobachtungsdaten. Daraus lässt sich nicht ableiten, dass eine bestimmte Steigerung der VO₂max automatisch eine exakt definierte Risikoreduktion verursacht. Die Ergebnisse passen jedoch sehr gut zu der bereits vorhandenen wissenschaftlichen Evidenz zur Bedeutung der kardiorespiratorischen Fitness.
Genau deshalb erweitern wir unsere Leistungsdiagnostik
Für mich ist das ein wichtiger Punkt. Eine Leistungsdiagnostik sollte nicht nur beantworten: „Wie schnell kannst du momentan laufen oder Rad fahren?“ Sie sollte möglichst auch zeigen: „Wie leistungsfähig ist dein Organismus – und wo befindet sich das größte Entwicklungspotenzial?“ Deshalb integrieren wir bei Boie-Sports in unsere neue Auswertung zusätzlich eine CRF-/VO₂max-Einschätzung. Dabei ist die Unterscheidung wichtig: Eine echte direkte Messung der VO₂max erfolgt mittels Atemgasanalyse beziehungsweise Spiroergometrie. Wird keine Atemgasanalyse durchgeführt, sprechen wir deshalb bewusst von einer VO₂max- bzw. CRF-Einschätzung und nicht von einer direkten VO₂max-Messung. Diese Information ergänzt unsere bisherigen Parameter und hilft uns, das Gesamtbild des Sportlers besser einzuordnen.
Was bringt dir diese Information konkret?
Für den Sportler entstehen daraus mehrere Vorteile.
1. Deine Ausdauerleistung wird besser eingeordnet
Zwei Sportler können eine ähnliche Laufzeit oder Radleistung erreichen und trotzdem physiologisch völlig unterschiedlich aufgestellt sein. Die CRF-/VO₂max-Einschätzung hilft uns dabei zu erkennen, wie groß die aerobe Leistungsfähigkeit tatsächlich ist und wie viel Potenzial möglicherweise noch vorhanden ist.
2. Trainingsbereiche bekommen mehr Kontext
Laktatschwellen und Trainingszonen bleiben für die Trainingssteuerung enorm wichtig. Die zusätzliche Betrachtung der CRF ermöglicht uns aber, besser zu verstehen, warum bestimmte Leistungswerte entstehen. Ist beispielsweise die aerobe Kapazität der limitierende Faktor? Oder besitzt ein Sportler bereits eine gute VO₂max, kann diese Leistung aber an der Schwelle noch nicht ausreichend nutzen? Damit wird Trainingsplanung individueller.
3. Fortschritte werden sichtbarer
Das Körpergewicht verändert sich nicht immer. Die Laufzeit auf zehn Kilometer verbessert sich ebenfalls nicht jeden Monat. Trotzdem kann sich innerhalb des Körpers sehr viel entwickeln. Eine Verbesserung der kardiorespiratorischen Fitness kann deshalb ein weiterer objektiver Marker dafür sein, ob das Training langfristig in die richtige Richtung läuft.
4. Leistung und Gesundheit werden miteinander verbunden
Gerade hier wird das Thema für mich besonders interessant. VO₂max und CRF sind nicht ausschließlich Parameter für ambitionierte Läufer oder Radfahrer. Sie gewinnen auch in der Prävention und beim Thema Healthy Aging und Longevity zunehmend an Bedeutung. Eine hohe körperliche Leistungsfähigkeit bedeutet nicht automatisch Gesundheit. Aber die wissenschaftliche Datenlage zeigt sehr deutlich, dass eine niedrige CRF mit einem erhöhten Gesundheitsrisiko verbunden ist. Damit wird aus einem klassischen sportwissenschaftlichen Leistungswert gleichzeitig ein interessanter Gesundheitsmarker.
Eine hohe VO₂max ist trotzdem nicht alles
Genau hier möchte ich aber vor einer typischen Fehlinterpretation warnen. Es geht nicht darum, zukünftig nur noch eine möglichst große VO₂max-Zahl zu jagen. Ein kompletter Ausdauersportler braucht deutlich mehr:
eine gute aerobe Kapazität,
eine leistungsfähige Schwelle,
einen funktionierenden Fettstoffwechsel,
eine passende Laktatbildungs- und Abbaudynamik,
ökonomische Bewegung
und eine Trainingsbelastung, die langfristig verkraftet werden kann.
Die VO₂max ist deshalb ein wichtiges Teil des Puzzles – aber nicht das gesamte Bild. Genau darin liegt für mich der Vorteil einer umfangreichen Leistungsdiagnostik: Wir betrachten nicht nur einen einzelnen Wert, sondern versuchen zu verstehen, wie die verschiedenen physiologischen Systeme zusammenspielen.
Mein Fazit
Die aktuelle Forschung stärkt einen Gedanken, den wir zukünftig noch stärker in unsere Diagnostik einbeziehen werden: Es reicht nicht zu wissen, wie viel jemand trainiert. Entscheidend ist auch, welche körperliche Leistungsfähigkeit daraus entsteht. CRF beziehungsweise die VO₂max liefert hierfür einen wertvollen zusätzlichen Baustein. Deshalb findet ihr in unserer neuen Leistungsdiagnostik-Auswertung zukünftig neben den klassischen leistungsphysiologischen Parametern auch eine Einordnung der kardiorespiratorischen Fitness. Für ambitionierte Sportler bedeutet das eine noch präzisere Einschätzung ihrer Ausdauerleistungsfähigkeit und möglicher Limitierungen. Für gesundheitsorientierte Sportler liefert es gleichzeitig einen zusätzlichen Blick darauf, wie leistungsfähig das Herz-Kreislauf-System aktuell aufgestellt ist.
Und genau das ist für mich moderne Leistungsdiagnostik:
Nicht einfach möglichst viele Werte messen – sondern die richtigen Werte so miteinander verbinden, dass daraus konkrete Entscheidungen für Training, Leistung und langfristige Gesundheit entstehen.
Quellen
Liang Z. et al. (2026): Joint non-linear dose–response associations of device-measured physical activity and cardiorespiratory fitness with cardiovascular disease: a cohort and Mendelian randomisation study. British Journal of Sports Medicine.
Ross R. et al. (2016): Importance of Assessing Cardiorespiratory Fitness in Clinical Practice: A Case for Fitness as a Clinical Vital Sign. American Heart Association Scientific Statement, Circulation.
